SELBSTHILFE BEI DEPRESSIONEN – 6 – WIE ENTSTEHEN DEPRESSIONEN?

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Selbsthilfe bei Depressionen – 6 – Wie entstehen Depressionen?

Selbsthilfe bei Depressionen – 6 – Wie entstehen Depressionen?

09.02.2025

Nicht jede Depression ist gleich der Depression eines anderen Betroffenen. Sie ist etwas sehr individuelles, was ebenfalls eine unterschiedliche Behandlung bedingen kann. Diese Unterschiede kommen zumeist aus den verschiedenen Ursachen, die eine Depression herbeiführen. Jede Lebensgeschichte eines Menschen ist anders und damit auch die Depression. Trotzdem können auch verschiedene Gemeinsamkeiten festgestellt werden, z. B. nach einem Todesfall, der Verlust eines Arbeitsplatzes oder Gewalterfahrungen.



Bei jedem Betroffenen entsteht durch die Depression eine kognitive Verzerrung, d. h. die Denkweise ist stark negativ. Allgemein kann eine negative Verzerrung der Denkweise mit schwarz-weiß-Denken vorliegen. In diesen Fällen gibt es nur die beiden Extrema: gut oder schlecht. Kein grau. Dadurch bedingt sich häufig ebenso ein Übergeneralisieren, meist durch Worte geprägt wie „alle“, „immer“ oder „niemals“. Negative Ereignisse werden in den eigenen Gedanken hochgespielt bis hin zu Katastrophisieren. Positive Ereignisse werden hingegen kaum wahrgenommen und wenn sie wahrgenommen werden, abgemildert bis hin zur Unbedeutsamkeit. Diese gesamte Wahrnehmung ist am Entstehen und Wiederauftreten von Depressionen beteiligt.



In Therapien wird davon ausgegangen, dass sogenannte Stressoren vorliegen. Das sind Gedanken mit verzerrten Interpretationen bzw. dysfunktionale automatische Gedanken, die eine Anfälligkeit auslösen. Therapien setzen hier an, um die Interpretation der Gedanken zu hinterfragen und neu zu bewerten.



Depressionen können auch durch externe Faktoren entstehen. Bestimmte Umstände wirken von außen auf den Betroffenen ein. Oftmals fühlt dieser sich diesen Umständen machtlos ausgeliefert. Das können beispielsweise Verpflichtungen sein (z. B. Pflege von Angehörigen oder gegenüber anderen Personen), Existenzabsicherung oder finanzielle Sorgen, Kündigung einer Mietwohnung (gefühlte Obdachlosigkeit), Probleme in der Familie oder Partnerschaft, Gesundheit oder Leistungsdruck.



Die negative Denkweise gehört zu den inneren Faktoren. Dazu gehören ebenfalls starke Selbstkritik, Pessimismus, mangelnde Selbstliebe, Grübeln, unrealistische Erwartungen, Perfektionismus, Einsamkeit, das Gefühl nicht verstanden zu werden, Frustration oder fehlender Bezug zur Realität. Faktoren, die im Kopf des Betroffenen meist automatisch ablaufen, von außen hingegen nicht sichtbar sind.



Betroffene hängen häufig in einem Kreislauf aus Selbstkritik und Selbstvorwürfen. Negative Erlebnisse werden stark gewichtet und bilden negative Glaubenssätze. Auf äußere Kritik wird sehr sensibel reagiert und diese als Angriff empfunden. Äußere Kritik, und ist sie noch so klein, wird vom „inneren Kritiker“ aufgenommen und lässt diesen anwachsen. Gleichzeitig kann eine hohe Empathie für die Umwelt auftreten, womit der Betroffene auch mit anderen mitleidet und das auf die eigenen, sehr begrenzten Ressourcen geht. Viele Depressive haben dennoch ein hohes Pflichtbewusstsein und suchen bei Fehlern stets die Schuld bei sich selbst. Auch wenn dies nicht gerechtfertigt ist. Eine andere Sichtweise wird nicht zugelassen.



Personen mit einem hohen Harmoniebedürfnis vermeiden Konflikte und Streit. Sie neigen dazu, klein bei zu geben und anderen ihren Willen zu lassen, auf Kosten der eigenen Ressourcen. Diese Unzufriedenheit kann ebenfalls zu einer Depression führen, die wiederum mit einer starken Selbstkritik einhergehen kann.



Zu den Stressoren können auch die sogenannten „Luxusprobleme“ gehören, die für Außenstehende oft nicht nachvollziehbar sind, den Betroffenen jedoch stark belasten können. Dazu gehört beispielsweise ein exzessiver Individualismus, oftmals kombiniert mit dem Gefühl nicht verstanden zu werden oder auch finanziellen Sorgen. Aber auch eine gestiegene Lebenserwartung mit gesundheitlichen oder finanziellen Sorgen im Alter kann sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirken.



Auch urbane Entwicklungen bzw. Umwelteinflüsse können zur Entstehung von Depressionen beitragen: schlechte Ernährung durch Convenience-Produkte oder Fast Food, wechselhafter Schlaf-Wach-Rhythmus durch unterschiedliche Arbeit- und Freizeit-Zeiten (schlechte Schlafhygiene), Substanzmissbrauch, psychosoziale Faktoren, wachsender beruflicher Wettbewerb, Zeitdruck, soziale Isolation (Einsamkeit) oder weniger intime Bindung an die Familie bzw. erhöhter sozialer Stress (z. B. durch digitale Medien und Vernetzung / social media) führen vermehrt zu psychischen Auffälligkeiten.



Zu den psychosozialen Faktoren gehört die Persönlichkeitsentwicklung ab dem Kindesalter. Sind die Entwicklungs- und Persönlichkeitsfaktoren bereits in früher Kindheit gestört, kann dies im (jungen) Erwachsenenalter ebenfalls zu Depressionen führen. Je nach Ausprägung kann es zur sozialen Isolation, erlernter Hilflosigkeit (Unselbstständigkeit/„Helikopter-Eltern“) oder Vernachlässigung kommen. Dies geht meist einher mit einer gestörten Eltern-Kind-Beziehung.


Die Erziehung bzw. die Bezugsperson im Kindesalter prägt die Kindheit maßgeblich und kann eine negative Entwicklung in der Selbstwahrnehmung bzw. negative Verhaltensmuster fördern. Negative Glaubenssätze festigen sich bis zum 5. Lebensjahr und gelten dann als etabliert, auch im Erwachsenenalter. Die Persönlichkeit eines Kleinkindes entwickelt sich sehr früh. Dabei induzierte Störungen bis zum 3. Lebensjahr können Persönlichkeitsstörungen hervorrufen. Ebenso kann eine emotionale Distanz zwischen Kind und Eltern entstehen. Gewalterfahrungen in der Kindheit wirken sich ebenso negativ aus.


In Therapien wird die Kindheit daher häufig hinterfragt, da sich auch verborgene, beschönigte oder verdrängte Negativerfahrungen herauskristallisieren können. Kinder haben auch bei Gewalterfahrung oftmals eine bedingungslose Liebe an die Eltern. Viele Eltern handeln ebenso in guten Absichten, wobei sie trotzdem Fehler machen können. Kinder sollten lernen das eigene Selbstwertgefühl nicht von der Anerkennung der Eltern abhängig zu machen.


Liegt zwischen der Kindheit und der Therapie eine zeitliche Distanz, so kann der Betroffene die Kind-Rolle als Opfer ablegen lernen und sich als Erwachsener neu definieren.



Traumata, Schicksalsschläge oder heftige Belastungen können ebenfalls Depressionen hervorrufen. Hierzu gehören auch anhaltende physische und psychische Gewalt. Diese können als eigenständige Diagnose auftreten oder als Begleiterscheinung zum eigentlichen Trauma und hängen stark vom Ereignis und der individuellen Verarbeitung des Betroffenen ab.



Lebensinhalte, die dauerhaft Stress verursachen, greifen anhaltend negativ in die bio-chemischen Abläufe des Körpers ein. Es tritt ein Gefühl der ständigen Überforderung und Belastung ein, die nicht mehr bewältigt werden können. Dadurch kann es ebenfalls zu psychischen Auffälligkeiten kommen.


Schwere körperliche Erkrankungen (z. B. eine Krebsdiagnose oder HIV-Infektion) können Depressionen auslösen. Auch eine Geburt, die normalerweise als positives Ereignis gesehen wird, stellt einen drastischen Einschnitt und Veränderungen im Leben dar. Zusätzlich werden viele Hormone im Körper der Frau ausgeschüttet, die den Stoffwechselhaushalt durcheinander bringen. In diesem Fall spricht man auch von einer postnatalen Depression (Wochenbett-Depression). Auch dauerhafte (chronische) Krankheiten können zu Depressionen führen. Hierzu zählen v. a. Schilddrüsenerkrankungen, da diese auf den Hormonhaushalt einwirken oder dauerhafte Schmerzkrankheiten, da diese eine starke Belastung darstellen.



Es kann immer wieder Einschnitte und Vorkommnisse geben, die den Alltag durcheinander bringen und zu Depressionen führen können. Der Eine steckt das Erlebnis gut weg, beim Anderen ist es geprägt durch seine Lebensgeschichte der bekannte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, und es zur Depression kommt. Ist ein Betroffener bereits an einer Depression erkrankt, werden zusätzliche Faktoren als extreme Last wahrgenommen, die nicht mehr gestemmt werden können. Das niedergedrückte und ausweglose Gefühl nimmt zu. In diesen Momenten ist eine professionelle Hilfe anzuraten.



Nicht nur das direkte negative Erlebnis in Kombination mit früheren negativen Erfahrungen kann zu Depressionen führen, sondern auch eine Funktionsstörung der Neurotransmitter im Gehirn. Diese reagieren auf Umweltfaktoren oder sind genetisch bedingt verändert. Es können auch Kombinationen aus beiden Ursachen vorliegen. Beides hat negative Auswirkungen auf die emotionale Verarbeitung. Funktionsstörungen im Gehirn können genetisch, also vererbbar, sein. Das Risiko an einer Depression zu erkranken, wenn diese bei nahen Verwandten bereits diagnostiziert ist, ist dreimal so hoch wie bei Personen ohne Depressionen in der Familie. In diesem Fall spricht man von einer erhöhten Vulnerabilität.



Neben einer negativen Interpretationsweise können auch dysfunktionale affektive Verarbeitungsfehler verschiedener Herkunft vorliegen. Botenstoffe sind beispielsweise Dopamin, Serotonin („Freude“), Noradrenalin („Antrieb“) und Oxytocin. Serotonin und Noradrenalin sind zwei Hormone, die oftmals bei depressiv Erkrankten fehlen. Medikamente greifen an der gesunden Regulierung dieser Botenstoffe an. Ein typisches Antidepressiva ist der Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI). Durch die Medikamenteneinnahme soll Serotonin („Glückshormon“) im Körper erhöht und die Serotoninaktivität reguliert werden. Das Medikament lindert damit die Symptome der Depression, heilt aber nicht die Depression selbst (ähnlich wie das Laufen an Krücken bei einem gebrochenen Bein).



Durch die komplexen und individuellen Wechselwirkungen ist eine Behandlung schwierig. Meist werden mehrere Medikamente nacheinander getestet, bis ein passendes gefunden wird. An dieser Stelle bitte nicht aufgeben, sondern durchhalten. Es kann Linderung geben. Die Wechselwirkungen sind immer noch ein Forschungsgebiet und bis heute nicht vollständig verstanden. Nachweise sind ebenso schwierig.



Zusätzlich kann ein Mangel an Vitamin D vorliegen. Betroffene vermeiden oft nach draußen zu gehen und entziehen sich dem Sonnenlicht. Dadurch wird jedoch ein Mangel an Vitamin D verstärkt, der eine Depression begünstigen kann.



Störungen des Stoffwechsels im Gehirn können auch durch Hormonpräparate verursacht werden. Antibaby-Pillen als hormonelle Verhütungsmittel können Depressionen begünstigen und bis zu Suizidversuche führen. Betroffene sollten daher besser auf andere Verhütungsmittel zurückgreifen. Chemische Substanzen (Drogen), Alkohol, aber auch Tabakkonsum (Rauchen) können den Stoffwechsel und die Rezeptoren im Gehirn dauerhaft schädigen. Ein „normaler“ Gesundheitszustand ist ohne chemische Hilfsmittel oft nicht mehr möglich. Langzeit-Kettenraucher (sehr hoher Konsum mit mehreren Packungen am Tag) erkranken nach Aufgabe des Rauchens daher auch häufig an einer Depression. Die Wechselwirkungen im Gehirn wurden durch das Rauchen jedoch unwiderruflich geschädigt (nicht heilbar), wodurch der Betroffene auf Medikamente zur Substitution angewiesen ist.



Negative Faktoren stören die sogenannte Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse und erhöhen den Cortisolspiegel. Auch hier greifen verschiedene biologische Faktoren zusammen mit äußerem Stress in die Funktionsweise des Körpers ein und können in Depressionen resultieren. Hält dieser Zustand an, können sich langfristige, negative Auswirkungen auf die körperliche und psychische Gesundheit ergeben. Es gibt hinreichend erforschte Korrelationen, die den Zusammenhang zwischen Stress und depressiven Erkrankungen bestätigen.



Durch die psychische Belastung kann es zu einer Somatisierungsstörung kommen, d. h. die Psyche verursacht körperliche Symptome. Hierbei lässt sich dann keine körperliche Ursache finden. Die somatischen Beschwerden klingen meist ab, wenn die Depression erfolgreich behandelt wird. Dies ist v. a. bei Kindern und Jugendlichen der Fall.



Depressionen und andere psychische Krankheiten können kombiniert auftreten und einander bedingen. Hierzu ist beispielsweise eine Angststörung oder Essstörung angeführt. Es können aber auch weitere Krankheiten vorliegen.



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