Eine der wichtigsten Frage, die sich jeder Betroffene irgendwann stellt, ist: „Bin ich depressiv?“. Diese Frage klingt so einfach, sollte man sie doch mit „ja“ oder „nein“ beantworten können. Aber diese Frage ist viel mehr. Sie ist die eigene Reflexion des Gemütszustands und das Erkennen der psychischen Krankheit. Auch wenn die Frage mit „ja“ beantwortet wird, heißt dies jedoch nicht zwangsläufig, dass die Krankheit auch vom Betroffenen akzeptiert wird. Die Symptome einer Depression können aber auch für eine körperliche Erkrankung stehen, daher sollte immer der Weg zum Hausarzt erfolgen, um diese Ursachen abzuklären. Körperliche Ursachen können zusätzlich auch eine psychische Belastung inklusive Diagnose auslösen. So erleiden Krebspatienten häufig auch eine Depression, da sie mit dieser schweren körperlichen Krankheit zu kämpfen haben. Liegen keine körperlichen Erkrankungen vor, kann es schwierig werden eine genaue Diagnose zu erhalten, denn Depressionen können durch andere psychische Krankheiten hervorgerufen werden bzw. gehen mit diesen einher. Beispielsweise können Betroffene eines Traumas auch an einer Depression erkranken, die sich ggf. viel deutlicher in den Symptomen bemerkbar macht und ein vielleicht sogar verdrängtes Trauma überdeckt. Eine Behandlung würde dann zwar auch die Behandlung der Depression vorsehen, sollte aber auch bis zur Ursache, in diesem Beispiel das Trauma, vordringen. Wenn die Ursache neben der Depression behandelt wird, wird automatisch auch die Depression behandelt.
Online sind viele Selbsttests zugänglich. Jeder kann sich hier eine erste Einschätzung selbst geben. Im Folgenden stellen wir typische Symptome und Anzeichen der Krankheit dar, ab wann man von einer Depression spricht. Bitte beachte, dass dies alles nur Hinweise sind und eine Diagnose immer von einem Facharzt gestellt werden sollte. Hast du also das Gefühl, dass du unter Depressionen leiden könntest, wär der erste Schritt zum Hausarzt. Nenne ihm deine Symptome, nicht deine Selbst- (oder „Google“-) Diagnose. Ein Hausarzt wird dich auf körperliche Ursachen untersuchen und ggf. zu Fachärzten weiterleiten. Bei schlechtem Schlaf kann ein Gang zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt (kurz: HNO) sinnvoll sein, der die Atmung im Schlaf überprüfen kann oder auch die Überweisung in ein Schlaflabor ausstellt. Ebenso sollten die Blutwerte überprüft werden. Ein psychiatrischer Facharzt bzw. Therapeut wird dir zunächst viele Fragen stellen und Gespräche führen, bevor du eine Diagnose erhältst. Zu Beginn kann der Arzt oder Therapeut eine Verdachtsdiagnose äußern. Ist dies nicht möglich, verwendet ein Therapeut oft die Diagnose der „Anpassungsstörung“. Dies ist erst mal ein Ausgangspunkt für weitere Analysen und Diagnosen. Mediziner und Therapeuten müssen zu Beginn der Behandlung einen Bericht an die Krankenkasse senden, damit diese die Kosten übernimmt. Darin muss zumindest eine Verdachtsdiagnose stehen. Die Verdachtsdiagnose kann sich im weiteren Verlauf aber auch ändern, je mehr Informationen der Therapeut oder Psychiater hat.
Die Redewendung „heute fühle ich mich depressiv“ wird gerne verwendet, um anzuzeigen, dass jemand gerade schlecht drauf ist. Das bedeutet nicht, dass derjenige an einer Depression leidet. Dadurch wird die Bedeutung der Krankheit jedoch geschmälert oder verharmlost. Dabei sind Depressionen eine ernst zu nehmende Krankheit, die ohne Behandlung zum Tode durch Suizid führen können.
Wie unterscheidet man nun also, ob man wirklich depressiv oder doch nur niedergeschlagen oder traurig ist? Eine tiefe Traurigkeit kann z. B. nach einer Trennung (Liebeskummer) oder durch den Tod eines geliebten Menschen oder Tieres entstehen. Eine solche Traurigkeit kann eine Depression auslösen oder eine Traurigkeit bleiben. Nicht jede Lebenskrise oder belastende Situation führt automatisch in eine Depression. Hierzu gehören verschiedene persönliche Faktoren und weitere Lebensumstände. Ist dieser Vorfall der „bekannte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte“, so kann dadurch eine Depression auftreten. In diesem Fall spricht man von einer erhöhten Vulnerabilität. Eine erhöhte Vulnerabilität kann auch durch allgemeine Lebensumstände oder sogar durch Vererbung (Gene) gegeben sein. Solche Menschen werden im Volksmund gerne als „allgemein dünnhäutig“ bezeichnet. Über Menschen mit einer guten Vulnerabilität wird hingegen oft gesagt „er hat einen dicken Pelz“.
Es ist wichtig, eine „Down-Phase“ für sich selbst von einer Depression abzugrenzen. Down-Phasen, bzw. „Tiefs“ gehören ebenso wie „Hochs“ zum Leben und sind ganz normal. Diese Tiefs sollten nur wenige Tage andauern, bis sie sich wieder bessern. Daher ist hierbei auch etwas Geduld anzuraten. Hält die Down-Phase über 2 Wochen ununterbrochen an, kann eine Depression vorliegen und benötigt die Abklärung durch einen Facharzt. Reihen sich viele kleine Down-Phasen unterbrochen mit Hochs oder zumindest Neutral-Phasen aneinander, kann ein Gang zum Arzt trotzdem ratsam sein.
Nach dem ICD11 (von 2022) gibt es drei Hauptsymptome, von denen mindestens zwei über zwei Wochen ununterbrochen vorliegen müssen, damit die Diagnose Depression vergeben wird:
· gedrückte, depressive Stimmung
· Interessenverlust und Freudlosigkeit
· Antriebsmangel und Ermüdbarkeit
Daneben gibt es sieben sogenannte Nebensymptome oder Zusatzsymptome, von denen ebenfalls mindestens zwei zeitgleich über diese zwei Wochen vorliegen müssen. Diese Nebensymptome sind weitere Indizien, wobei jedes alleine genommen auch eine körperliche Ursache haben könnte. Die Nebensymptome bestimmen den Schweregrad einer Depression:
· verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit
· vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
· Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit
· übertriebene Zukunftsängste oder "Schwarzsehen", negative Zukunftsaussichten
· Suizidgedanken, -Absichten oder -Versuche, Selbstverletzungen
· Schlafstörungen
· verminderter Appetit/ starker Gewichtsverlust, starke Gewichtszunahme
In der Überarbeitung vom ICD10 (von 2020) zum ICD11 (von 2022) gab es hier kleine Änderungen. Nach ICD erhalten alle Krankheiten ein Kürzel, das aus einem Buchstaben und einer Zahl besteht. Für eine Depression ist es F32.x, wobei x für die schwere Depression mit den Stufen 1 bis 3 zählt. Diese Kürzel sind ebenfalls auf der Krankschreibung in der Ausfertigung für den Patienten angegeben. In der Ausfertigung für den Arbeitgeber fehlt dieses Feld, da der Arbeitgeber in Deutschland nicht über die Art der Krankheit informiert wird. Diese Entscheidung darf der Erkrankte selbst treffen und sollte dabei berücksichtigen, wie gut er sich mit dem Chef und den Kollegen versteht. Ein Arbeitgeber kann Rücksicht auf den Arbeitnehmer nehmen. Reagiert das Umfeld jedoch mit Unverständnis auf eine psychische Krankheit, kann sich die berufliche Situation jedoch auch verschlimmern. Hierzu gibt es leider keinen allgemeinen „guten Rat“, denn es ist jeweils individuell abhängig.
Zusätzlich zu den Symptomen einer Depression können weitere Symptome auftreten, wie z. B. die Wahrnehmung von Stimmen oder Wahnvorstellungen. Diese fallen dann unter psychotische Symptome.
Im Folgenden werden typische Merkmale oder frühe bzw. unspezifische Symptome einer Depression aufgelistet. Diese können auftreten, müssen aber nicht. Auch hier gilt: Diese Merkmale können auf eine Depression hinweisen, müssen aber nicht.
- gedrückte, traurige Stimmung
- Verlust von Interessen und Freude
- nichts macht mehr Spaß
- alles erscheint grau oder schwarz
- keine Lebensfreude oder Energie
- Gefühl von innerer Leere
- alles ist sinnlos oder hoffnungslos
- nichts ergibt mehr Sinn, v. a. nicht die Gegenwart und Zukunft, Ängste
- man findet nichts Positives mehr
- verminderter oder fehlender Antrieb, keine Motivation
- die einfachsten Dinge fallen schwer
- Konzentrationsstörungen, geringe Leistungsfähigkeit
- Mangelndes Selbstwertgefühl, sich selbst schlecht reden
- Rückzug von sozialen Kontakten
- Schuldgefühle
- Enorm viele pessimistische Gedanken
- psychomotorische Unruhe
- Gefühlslosigkeit
- Schlafstörungen (zu viel / zu wenig Schlaf)
- andauernde Müdigkeit
- suizidale Gedanken
- Appetitverlust/ Gewichtsverlust
- Körperliche Symptome wie: anhaltende Verdauungsstörungen, Blähungen, Übelkeit, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, allgemein Schmerzen usw.
- kein Hunger, ungesunde Ernährung (z. B. Fast Food)
- ständiges negatives Denken
- grübeln
- Unzufriedenheit und fehlende Glücksgefühle bei schönen Ergebnissen
- Verlust des sexuellen Interesses
- Verspannungen der Muskeln
- Engegefühl der Brust, Herzrasen
- Gefühl der ständigen Überforderung
- etc.
Es können zusätzlich körperliche Symptome auftreten, die keine körperliche Ursache haben. Diese sollten jedoch zuerst medizinisch abgeklärt werden:
- Schwindelgefühl
- Schlafstörungen
- Kopfschmerzen
- Herzrhythmusstörungen
- Atemnot
- verringertes sexuelles Interesse
- etc.
Nicht alle Symptome treten bei jedem Betroffenen auf. Treten Symptome auf, sollten sie ärztlich abgeklärt werden. Eine Schilddrüsenerkrankung kann beispielsweise Symptome verursachen, die auch auf eine Depression hindeuten können. Auch verschiedene Stressfaktoren können eine Depression auslösen, ebenso wie Süchte, z. B. Alkohol und Drogen. Rauchen verändert ebenfalls die Rezeptoren im Gehirn. Hören starke Raucher auf zu rauchen, können sie ebenfalls an einer Depression erkranken und benötigen eine Behandlung.
Eine Depression wird daher häufig als Differentialdiagnose vom Mediziner gestellt. Das bedeutet, dass erst einmal alles andere (körperliche) ausgeschlossen wird, da es keine eindeutigen Tests auf Depressionen gibt. Es ist kein Knochenbruch, den man auf dem Röntgenbild sieht oder keine Grippe, die durch entsprechende Viren nachgewiesen wird. Es ist im Kopf des Patienten und so, wie dieser es wahrnimmt und verbalisieren kann.
Mögliche Differentialdiagnosen neben einer Depression sind:
- Dysthymie = leichte Form der Depression mit dauerhaftem Stimmungstief ohne Erfüllung der Kriterien einer Depression
- Saisonale affektive Störung, z. B. Winterdepression
- Bipolare Störung: meist chronischer und schwerer Verlauf, veralteter Begriff: manisch-depressiv. Die bipolare Störung ist von starken Stimmungswechseln, von übersteigertem Hochgefühl mit Risikoverhalten und Selbstüberschätzung bis hin zu tiefe Verzweiflung oder Ausweglosigkeit mit extremem Gefährdungspotential, geprägt.
- Schizoaffektive Störung: Neben der Depression steht Schizophrenie als Diagnose im Vordergrund mit Wahnvorstellungen und Halluzinationen in manischer oder depressiver Form.
- Anpassungsstörung: gleiche Symptome wie eine Depression, aber erfüllt nicht die Kriterien einer Depression. Eine Anpassungsstörung lässt sich meist auf ein bestimmtes Ereignis zurückführen, das zu den entsprechenden Symptomen führt. Die Symptome verschwinden meist nach 6 Monaten auch unbehandelt. Eine Anpassungsstörung ist vorübergehend.
Im Gegensatz zu einer Anpassungsstörung gibt es bei Depressionen häufig nicht die eine Ursache. Das unterscheidet sie z. B. auch von einem Trauma, bei dem Depressionen zusätzlich vorliegen können. Damit es zu einer Depression kommt, liegen meist verschiedene Faktoren vor, die zusammenspielen. Man kann sich das so vorstellen, wie wenn man zu viele elektrische Geräte mit einer großen Verteilersteckdose an eine elektrische Leitung anschließt. Es kommt zur Überlast und zum Kurzschluss. Die Sicherung springt raus. Es gibt erst mal keinen Strom und es ist alles aus.
Ein Arzt kann entsprechende Unterstützung anbieten. Zeitgleich ist es anzuraten, dass sich Betroffene weitere Unterstützung bei Familie, Freunden oder Anlaufstellen suchen. Unbehandelt können Depressionen sehr lange andauern und die Heilung wird erschwert.
Depressionen gelten generell als heilbare Krankheit, Ausnahme ist die chronische Depression. Jedoch kann eine Depression im Laufe des Lebens wieder auftreten. Denke bitte immer daran, dass Depressionen keine Schwäche sind, sondern eine ernstzunehmende Krankheit. Besteht durch die Depression eine akute Suizidgefahr, bedarf es einer sofortigen Behandlung durch Fachärzte und ggf. Schutz des Betroffenen.
Die auftretenden Symptome sind ein Hilferuf des Körpers. Werden sie ignoriert oder zuerst falsch gedeutet, können sie sich verstärken und verschiedene Symptome auftreten. Der Körper zeigt an, dass Geist und Körper überlastet sind und Ruhe brauchen. Diese Überlast kann durch alle Lebensbereiche ausgelöst werden, in denen akut Probleme vorliegen.
Symptome einer Depression können sich nach Alter und Geschlecht unterscheiden. Männer empfinden häufiger Aggressionen, Ärger oder Unbehagen. Sie sind leichter reizbar oder neigen zu Wutanfällen. Ebenso steigt die Risikobereitschaft, z. B. im Fahrverhalten oder in Extremsportarten. Ihr soziales Verhalten wird öfter als unangemessen wahrgenommen. Männer greifen zur Betäubung der Symptome eher zu Suchtmitteln, wie Zigaretten, Alkohol oder Drogen. Zwei häufig beschriebene Symptome sind Versagensängste oder Schuldgefühle. Männer werden oftmals als „Ernährer der Familie“ gesehen, da sie zumeist ein besseres Gehalt als Frauen haben, die sich ggf. auch um Kinder kümmern. Eine Depression kann sie in dieser Pflicht hindern, weshalb es zu diesen Gefühlen kommen kann.
Bei Kindern und Jugendlichen kann die Deutung der Symptome oftmals schwierig sein und kann daher länger dauern. Bei Jugendlichen werden Symptome oft als rebellische Phase der Pubertät abgetan. Zusätzlich kommt bei Kindern und Jugendlichen eine noch stärkere Tabuisierung des Themas hinzu. So gilt landläufig häufig die Einstellung, dass Kinder und Jugendliche zu jung seien, um an einer Depression zu leiden. Diese Ansicht ist jedoch falsch und kann die Heilungschancen gefährden. Folgende Ursachen können bei Kindern und Jugendlichen zu Depressionen führen und sollten daher beachtet werden:
- sozialer Druck
- unverbindliche oder oberflächliche Freundschaften
- Systemutopien statt Realismus (unrealistische Vergleiche, z. B. in sozialen Medien)
- keine Authentizität
- hoher Leistungsdruck in der Schule oder Sport
- Erfolg und Misserfolg fördern ein Schwarz-Weiß-Denken; jeder (noch so kleine) Misserfolg wird als Versagen ausgelegt und gelebt
- Leben für den Erfolg/ das Glück der Eltern
- das Gefühl den Erwartungen der Eltern kaum gerecht werden zu können
- kein Rückhalt durch Familie
- sich hilflos/ dumm fühlen
- ständige Kritik
- Mobbing
- Versagensängste
- Trennung in Familie oder Freundschaften, häufige Umzüge, Destabilisieren des sozialen Gefüges
- mangelnde Tagesstruktur
- keine Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, Willkür von außen
Gerade bei Kindern kann erschwerend hinzukommen, dass sie ihre Gefühle noch nicht ausreichend verbalisieren können und dadurch im Stillen leiden. Oftmals wird nur auf körperliche Symptome geachtet, die zumeist ohne Befund bleiben. Kinder können dann die Kritik bekommen, sie würden übertreiben, möchten sich nur vor der Schule drücken oder Aufmerksamkeit. Diese Kritik kann das Vertrauen der Kinder in Eltern und Mediziner zerstören, fühlen sie sich dadurch nur noch mehr unerwünscht oder unwichtig.
Im Gegenteil können überfürsorgliche Eltern ("Helikopter-Eltern") der Entwicklung des Kindes auch schaden. Kinder müssen in der Entwicklung auch eine gewisse Frustrationstoleranz lernen und nicht immer die Hilfestellung durch Familie oder Freunde erhalten, um selbstständig zu werden. Findet das nicht statt, können sie als Erwachsene Probleme entwickeln, die ebenfalls in Depressionen resultieren können.
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