[B] Morrigan  

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[B]Morrigan
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Ich denke viele von euch fragen sich immer mal: wer ist eigentlich die Beraterin, die da abendlich online ist? Was verschlägt sie hierher? Und was hat sie erlebt?

Daher will ich mich hier mal kurz vorstellen:
Morri, weiblich, Ü30, keine Familie/Kinder, berufstätig in einer größeren deutschen Firma. So viel zu den Eckdaten.

Ich bin als Berater(in) hier, weil ich in erster Linie helfen möchte. Ich hatte früher auch Hilfe (die Seiten gibt es nicht mehr) und war sehr dankbar dafür. Ich weiß, wie es ist, wenn man sich einsam und unverstanden fühlt, und wie hilfreich es sein kann hier auf Leute zu stoßen, denen es ähnlich geht. Und damit kommen wir auch zu meiner Vorgeschichte. Ich habe die Diagnosen Borderline und Depressionen. Das meiste in der Kindheit verursacht, sie prägt eben. Vieles konnte ich mittlerweile hinter mir lassen. Aber es ist meine Vergangenheit, sie ist ein Teil von mir. War zweimal in Kliniken und habe so ziemlich jede Station mitgenommen. Ich bin mittlerweile noch in ambulanter Therapie und soweit stabil und „clean“.

Dadurch habe ich schon einiges erlebt und mitgenommen. Ich behaupte nicht alles zu kennen, aber vieles…

Bitte bedenkt immer: alle Berater machen das hier ehrenamtlich. Wir haben das nicht gelernt und sind auch keine Therapeuten.

Daher auch bitte solche Sätze wie „als Berater hast du das aber zu wissen“ oder „du bist Berater, du musst mir helfen“ unterlassen. Das bringt am Ende eh nichts.
Wenn ich online bin, darf man mich gerne anschreiben. Dabei bitte immer beachten: ich führe abends bis zu 15 Privatgespräche und betreue 3 Räume. Da kann eine Antwort leider manchmal dauern. Und auch ich habe Themen, bei denen ich nicht helfen kann oder die mich triggern. Daher kann es vorkommen, dass ich im Einzelfall auch ein Gespräch ablehne. Aber das sage ich dann auch zu Beginn offen. Daher einfach melden, ich helfe gerne!

Meine Onlinezeiten sind meist abends, so grob 18.00-21.00 Uhr. Am Wochenende kann es sein, dass ich auch mal mittags/ nachmittags da bin, sonntags bis max. 19.30 Uhr. Ihr könnt mir aber auch Nachrichten hinterlassen oder hier das Forum nutzen.

Außerdem werde ich diese Plattform hier nutzen um Mitzuteilen, wenn ich mal länger nicht da bin (z. B. Urlaub). Also einfach hier nachschauen...

Liebe Grüße und viel Kraft,
Morri

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This topic was modified vor 7 Monaten 2 times by [B]Morrigan
Zitat
Veröffentlicht : 05/11/2018 5:15 pm
[B]Morrigan
Mitglied Moderator

Vorsicht!! Trigger!!

Ich habe die Tage zur Beschäftigung (ja, der Tag war nicht so gut und mir war langweilig und ich wusste nicht was anzufangen… Kennen wohl viele.) die „Wormworld Saga“ ( https://www.wormworldsaga.com ) empfohlen bekommen (Die kursiven Teile gehören zum Comic, klar kann ich hier nicht alles schreiben). Von einem Bekannten? Freund? Ich kann es nicht einschätzen.
Ich kam nicht weit an dem Tag. Nur die ersten drei Sprechblasen. Die Einleitung. Dann wurden die Flashbacks zu massiv. Jetzt ist es besser, aber es kommen so viele Gedanken hoch. Ich habe das mal versucht zusammenzufassen (huch… es wurde länger…):


Stell dir doch einfach mal selbst diese Frage!
Wenn du dir die Vergangenheit in Erinnerung rufst, kannst du dann immer mit Sicherheit sagen, welche Dinge wirklich passiert sind und welche nur Träume oder Fantasien waren?

Was ist echt? Welche Erinnerungen sind echt? Was erfindet mein Gehirn? Was sind Träume? Was sind verschobene Erinnerungen?
Manchmal frage ich mich, ob meine Vergangenheit genau so passiert ist. Oder ob ich spinne? Erfinde ich Dinge hinzu? War es vielleicht gar nicht so schlimm? Oder verdränge ich vielleicht Dinge, um überhaupt jetzt klar zu kommen?
War SIE wirklich so böse zu mir? Wie kann man so zu seinem eigenen Kind sein? Die Schläge, die Abstellkammer, diese Lieblosigkeit, das Ausnutzen,…
Am Ende bleiben viele Fragen, ohne Antworten. Denn es ist niemand da, der sie mir beantworten könnte.

Wo genau liegt der Unterschied?

Es ist alles da, in mir. Was ist echt? Sind meine Gefühle richtig? Oder bin ich doch der Fehler? Fühle ich falsch? Aber mein Gefühl ist echt, aber ist es deswegen auch richtig? Tue ich unrecht? Ich weiß, dass dem nicht so ist, dass ich immer an allem Schuld war. Auch heute noch wäre, würde ich es zulassen. Also ist es doch echt? Oder bin ich doch einfach zu empfindlich, wie SIE immer sagte? Aber so bin ich eben. Bin ich deswegen falsch? Oder darf ich nach Verständnis fragen? Was darf ich von ihr erwarten? Von der Welt? Wieviel muss ich ertragen? Wieviel dulden? Leiden? Was hält ein Mensch aus? Wie oft kann er fallen, bis er zerbricht? Also, was ist echt? Ist es wichtig, ob die Vergangenheit echt ist? Denn das Gefühl in mir ist echt. Und es schmerzt. Täglich. Macht es also einen Unterschied, ob die Vergangenheit genau so war, wie sie in meiner Erinnerung ist?

Ich versuche nämlich ständig mir einzureden, dass all die unglaublichen Erlebnisse aus meiner Kindheit bloß Tagträumereien waren: Die fantastischen Orte, die ich besucht habe, die Freunde, dich ich dort fand und die Schlachten, die ich mit ihnen Schlug…

Da sind keine fantastischen Orte, nur Schatten und lauernde Dämonen, die mich auch heute noch überfallen und mit sich reißen, in die Vergangenheit. Mit auf ihren dunklen Schwingen mitnehmen, auf eine Zeitreise, die ich nicht machen wollte, mich aber nicht wehren kann. Zurück zu den Schatten meiner Vergangenheit. Aber war es so? Oder gaukeln mir die Dämonen nur was vor? Bringen mich in meine persönliche Hölle, die nie so war? Eben doch Fantasie. Waren es Tagträume? Tagalpträume?
Auch heute verbringt mein Kopf viel Zeit in einer Parallelwelt. Drifte immer wieder ab. Früher auch schon. Vieles war nicht echt, aber ich wusste, dass es nicht echt war. Aber weiß ich das bei allem? Was genau war echt? Vielleicht vermischt mein Kopf die Erinnerungen? Ich wollte diese Parallelwelten nie. Wusste, dass sie nicht gut sind. Doch waren sie oft, der einzige Trost. Imaginäre Freunde, imaginäre „Welten“… Heute lasse ich sie zu, weiß, dass sie nicht echt sind. Aber sie retten aus dem trüben Alltag. Versuche ich der Parallelwelt auszuweichen, holt sie mich doch ein. Ständig, immer wieder. Und dann mit aller Kraft. Ich darf dann nicht reden, oder gestikulieren. Würde mich andere doch für verrückt halten. Genau das bin ich, ist es! Verrückt! Verbringe einen Teil meiner Zeit anderswo. Meist ist es dort besser, aber auch dort lauern meine Dämonen. Mischen sich ein. Trüben die Parallelwelt. Machen aus Tagträumen Tagalpträume. Dabei träume ich nicht vor mich hin. Nicht so, wie man es von einem „klassichen Tagträumer“ kennt. Ich falle in meine Parallelwelt, kann es nicht steuern, bin plötzlich da. Ausgelöst durch ein Geräusch, Musik, ein Geruch, das Brechen der Sonnenstrahlen am Fenster. Ein kleiner Trigger und ich bin weg. Ich nehme alles um mich war, aber mein Kopf macht einen neuen Gedankenstrang auf, die Parallelwelt. In der normalen Welt funktioniere ich, aber die Bilder vor meinem geistigen Auge, das Hören und Fühlen, sie sind entrückt.

All diese Erinnerungen…
Kann es wirklich sein, dass ich mir das alles nur eingebildet habe?

Warum sind diese Wörter hervorgehoben? Warum bilden sie Trigger für mich? Warum frage ich mich an dieser Stelle, ob alles so war? Was bilde ich mir ein? Bin ich falsch? Bin ich der Fehler?

Diese Frage macht mich langsam aber sicher wahnsinnig!

Ja, es macht wahnsinnig, nicht zu wissen, was echt ist und was nicht. Was wirklich war. Was ist Einbildung und was Vergangenheit? Was war wirklich so?
Aber ich weiß, was heute echt ist. Meine Gefühle sind echt. Und Reaktionen von ihr ebenfalls. Ich kenne die Reaktionen der letzten Jahre, Jahrzehnte. Und diese sind echt. Waren echt. Erinnere mich an Bruchstücke der Vergangenheit, von denen ich auch weiß, dass sie echt sind. Erinnere mich an Schläge und weiß, sie waren echt. Aber war es so schlimm, wie es in meinem Gefühl ist? Oder stelle ich mich nur mal wieder eben an…? Wo ist die Vergangenheit, wo das jetzt? Wo ist die Gewissheit, der Glaube? Und wo beginnt der Wahnsinn?

Denn, wenn das alles wirklich passiert ist…

Es ist passiert, zumindest das meiste. Glaube ich. Fühle ich. Belastet mich. Es ist passiert und es kann einen Menschen zerbrechen. Wie eine Vase, die zu Boden fällt. Bruchteile einer Sekunde. Das Zusammenflicken dauert, dauert lange. Und es wird nie wieder so sein, wie es davor war. Manche Bruchstücke fehlen, manches passt nicht mehr aufeinander. Die Risse werden nie verschwinden.
Aber ich war keine Vase, die zu Boden fiel. Das ganze dauerte länger, viel länger. Jeden Tag ein bisschen… Und ein bisschen mehr. Wieviel Druck kann man ausüben, bis ein Mensch zerbricht? Langsam steigernd. Immer wieder drauf. Von allen Seiten, niemand der einem die Last nimmt.

… Dann würde das bedeuten, dass es einen Ort gibt, an den ich um jeden Preis zurückkehren muss!

Nein, genau da, in diese Vergangenheit, würde ich nie zurück wollen. Ich habe sie hinter mir gelassen, habe geändert, bemühe mich. Aber sie holt mich ständig ein. Wird immer ein Teil von mir sein. Ich werde sie nie loswerden können. Sie wird mich immer begleiten, verfolgen. Es gilt die Dämonen zu zügeln, die mich mitreißen wollen. Sie an die Kette zu legen. Denn auch sie werde ich niemals los. Werden mich immer bewachen, überfallen, zerfleischen.

Aber ich weiß nicht wie!

Wie zähmt man seine Dämonen? Wie geht das? Wie werde ich diese Parallelwelt los? Wie kann ich meine Vergangenheit ergründen? Vergessen?
Wie kann ich das alles hinter mir lassen?

Kapitel 1 – Der letzte Schultag

Schule? Na toll… Keine schöne Zeit. Keine schönen Erinnerungen. Ab dem ersten Tag nicht. Ich hatte die hässliche Schultüte meiner Schwester. In kotzgrün. Mit so einem aufgeklebten Bild einer Figur, einem Mädchen. Hässlich. Ich konnte sie nicht leiden. Beide, die Schultüte und das Bild. Aber die Schultüte war doch noch gut. Wenn auch alt, aber doch fast unbenutzt. Andere hatten bunte Schultüten, „moderne“. Und ich hatte das hässliche, alte Ding. Ich habe mich damit geschämt. Wäre am liebsten nicht hin. Nach einer eigenen Schultüte fragen? Unmöglich. Mir wurde beigebracht, dass es sowas für mich nicht gibt. Schon damals nicht. Ich wäre nie auf die Idee gekommen.
Andere Kinder hatten die schönere Schultüte und die schönere Füllung. Schokolade, Spielzeug. Was hatte ich? Praktisches. Buntstifte, ein Mäppchen. Nicht viel, nur halb voll. Ja, etwas Schokolade gab es auch. Aber nicht die Tolle von „Kinder“, sondern die billige vom Aldi. Nicht, dass sich meine Eltern das nicht hätten leisten können. Sie haben es wohl einfach nicht als notwendig angesehen. SIE hat es nicht eingesehen. Passt doch alles. Alle andere haben weniger. Ich solle mit dem glücklich sein, was ich habe. Mir gehe es doch gut. Und wo waren an dem Tag die Kinder mit weniger? Wo waren die, in deren Vergleich es mir gut ging? Ich habe mich geschämt, war froh als ich weg konnte. Und zu Hause? Die Wahrheit konnte ich nicht sagen, also lügen, wie toll es war. Wie nett die anderen Kinder. Ich habe es von Anfang an gehasst.
Es sollte so bleiben. Wie hält man 13 Jahre Mobbing aus? Ehrliche Antwort: keine Ahnung. Man lebt eben weiter vor sich hin. Ich war anders, bin anders. Es fiel natürlich auch den anderen Kindern auf. klein zierlich, ängstlich. das gefundene Opfer. Ich weiß nicht, wie ich durchgehalten habe. Interessiert hat es niemanden. Keinen Lehrer, nicht meine Eltern. Dass ich mich in den Schlaf weine, jeden Abend, hat SIE mitbekommen. Dafür gab es nur Gemecker. Ich wäre schwach. Soll aufhören. Habe ich. Es wäre schön, wieder weinen zu können. Den Schmerz wenigstens mal kurz raus zu lassen. Man weint nicht, man ist nicht schwach. Schrecklich sowas. Weinende Kinder sind hässlich. Hässliche Kinder bekommen nichts. Und außerdem sei es ja meine eigene Schuld, weil ich seltsam bin. Nicht normal, anders als andere Kinder. Ich solle mich nicht so anstellen, mich anpassen. Dann klappt das schon.
Wie denn? Ja, damals kannte ich meine Diagnose noch nicht. Ich wusste nur, dass ich anders bin. Aber nicht weshalb, oder wieso… Konnte es nicht erklären. Hätte mir eh niemand zugehört. Hab ich es versucht wurde nur gemeckert, dass ich der Fehler bin. Also sah ich mich als Fehler, verschloss die Augen und flüchtete in meine Parallelwelt, wenn möglich.
Trotz allem war ich nicht in dem klassischen Sinne unbeliebt. Ich hatte Freunde, oder sowas. Nie einen besten Freund (beste Freundin) zu der Zeit. Ich habe mich schon immer auf eine Person, die mir dann Nahe stand versteift. Das tat nicht gut, denn siekönnen nicht mit mir umgehen. Das war zu viel ich. Ich würde eher als Anhängsel betrachtet. Etwas Austauschbares. Die Freundschaften waren immer einseitig. Endeten sie, war ich am Boden zerstört. Drüber reden? Fehlanzeige. War ja meine Schuld, dass es so kam. Also in den Schlaf weinen. Wen wundert es da, dass ich die ersten Selbstmordgedanken mit etwa neun hatte? Wenn jemand benötigt wurde, war ich gut genug. Helfen, machen, tun? Klar, kein Problem. War ich doch froh überhaupt gefragt worden zu sein. Heute würde ich es als Ausnutzen bezeichnen. Komme besser mit der Einsamkeit zurecht. Aber damals, da wollte ich einfach nur dazu gehören…

Alles begann als ich die Grundschule verließ und in die Sommerferien fuhr.

Schulwechsel. Hoffnung, Neues, anders. Neue Mitschüler, die nichts wissen. Nicht wie es war, nicht wie ich bin. Bemühen. Langfristig vergeblich. Das Mobbing ging weiter. Wurde sogar noch schlimmer. Ein täglicher Kampf, eine tägliche Qual. Tränen vergossen, einsam, in der Dunkelheit. Unterstützung? Fehlanzeige. Ich musste alleine kämpfen. Täglich. Ich, der Fehler, der Opfer, das gefundene Fressen. Neue Dämonen, die mich verschlingen. Und irgendwann, die erste Schläge gegen mich selbst. Befreiend. Schmerz, der den Schmerz übertönt. Der erste Schnitt. Das erste Blut. Lebend, tot, dazwischen, irgendwo. Weinen durfte ich nicht mehr. Neue Tränen flossen. Keine Hoffnung.

Ferien? Ja, als Kind hat man sich darauf gefreut. Das Schulmobbing hört auf. Das zu Hause ging weiter. Immer wieder die Vorwürfe, warum ich alleine bin. Warum ich keine Freunde hätte. Aufmerksamkeit von ihr gab es nicht. Nicht positiv. Habe ich SIE zu viel genervt, gab es Schläge. Die einzige Form der Aufmerksamkeit, die es wirklich gab. Der Rest war Duldung, das erledigen von Aufgaben. Ihren Aufgaben, damit SIE frei hat. Ferien, allein, vom Fernseher, der Konsole. Ich habe als Kind nicht gern gelesen. Buchstaben mögen mich heute nicht. Wieder Gemecker, ich solle mehr lesen. Aber ich war doch auch so schön geparkt vor dem Fernseher. Spielen im Zimmer? Unmöglich. Türen schließen? Niemals. Wenn ich denn überhaupt eine Zimmertür hatte. Im Zimmer gespielt? Kreuzverhör. Was hast du gemacht? Wieso? Weshalb? Warum? Hast du ‚dumm‘ gespielt? Privatsphäre? Keine, nie.
Am liebsten hätte ich mich schon damals in ein Loch verkrochen. Gewartet bis alles vorbei ist. Nur zu den Pflichtterminen erschienen. Ansonsten unsichtbar. Ein Schatten, ein Geist. Nicht greifbar. Nicht angreifbar.

Im Sommer des Jahres 1977.

Ein Datum. Sollte man meinen… Aber auch hier: Gedanken, Überlegungen. Aber keine Antworten. Haben meine Eltern geheiratet, weil meine Schwester ‚unterwegs‘ war? Oder war es nur Zufall? Eh geplant. Was haben/ hatten meine Eltern aneinander? Da sind keine Gemeinsamkeiten. Sie gehen sich aus dem weg. Haben unterschiedliche Tagesrhythmen. Sehen sich selten, wenig. Keine harmonische Familie. Nur 4 Personen, die zufällig in einem Haus leben.

[…]
Lehrerin: Ich hoffe, du hast einen guten Start an deiner neuen Schule, Jonas!
Jonas: Danke, frau Rubens!
Lehrerin: Ein bisschen weniger Tagträumereien würden vielleicht nicht schaden!
Lehrerin: Ach, und auf deinem Zeugnissolltest du nicht herumkritzeln!
Jonas: Oh, tut mir Leid!
Lehrerin: Alles Gute, Jonas!

Lehrer, nur ein Beruf. Kein Mensch dahinter, kein Sehen, keine Fürsorge, kein Verstehen. Zu beschäftigt mit sich selbst, zu blind für andere. Oder sich nicht einmischen, nicht kümmern wollen. So nette Eltern, so eine nette Familie. Da kann ja nichts falsch sein. Vermisse ich den einen oder anderen Lehrer? Nein, nur Menschen, die es mal auf meinem Lebensweg gab. Vergangen, vorbei. Teils wurden sie zu Dämonen, die mich verfolgen. Tauchen auf, wenn man sie nicht braucht. Verschlingen mich und zerren mich zurück, in die Schulzeit, in das Mobbing, in die Arroganz und die Wehrlosigkeit.
Dann muss ich erst mal wieder den Weg zurück finden. In das Hier und Jetzt. Daran denken, dass das alles Jahrzehnte zurück liegt. Längst vergangen. Aber die Dämonen sind nicht lebendig. Geben nicht auf. Lassen mich nicht los. Und lassen mich immer wieder leiden.

Zeichnen und Tagträumen. Für mich war das beides das selbe. Ich machte es ständig.

Ein Rückzugsort aus all dem Schmerz. Einmal, irgendwo befreit sein. Irgendwo atmen dürfen. Um nicht an dem ganzen Mist um mich herum zu ersticken.

Und die Schule war wirklich nicht der geeignete Ort dafür. Ein einziger Blick auf meine Schulnoten zeigte das mehr als deutlich.

Nein, weder Schule, noch Studium, noch Arbeit. Aber wann die Parallelwelt zuschlägt, oft habe ich keinen Einfluss darauf. Auf Flashbacks schon mal gar nicht. Und manchmal war die Flucht und dir Rüge einfacher als in der Welt zu verbleiben und den Schmerz zu ertragen.
Interessanterweise waren meine Schuldnoten nie wirklich schlecht. Nie richtig gut, konnte ich mich oft nicht darauf konzentrieren oder nicht lernen. Aber ich kam immer durch, ohne Probleme. Wie ich das geschafft habe? Etwas Ehrgeiz, Zielstrebigkeit, durchhalten. Jeden Tag aufs Neue durchhalten. Dreizehn Jahre lang.
Ich wollte aufs Gymnasium. Musste dafür kämpfen. SIE wollte, dass ich die Realschule mache, einen bodenständigen Beruf lerne. Kein Glaube an mich, dass ich es schaffen könnte. Keine Ziele in mich gesetzt.
Ihre eigene Welt hat sich wiederholt. Ging ihre Mutter mit ihr doch ähnlich um. Und SIE hat es gehasst. Hat ihren bodenständigen Beruf gehasst. Aber auch bei ihr waren immer alle anderen Schuld. Nie SIE. Die ganze Welt ist böse, und falsch. Nur SIE nicht. SIE opfert sich dich für alles auf.
Ich hatte es irgendwie geschafft, keine Ahnung wie. Abitur, keine Glanzleistung, aber ich hatte es. Und zum Studium wollte ich nur noch weg. Aber auch das war erst mal nicht weit genug. SIE war immer noch da. Und meine Dämonen hatte ich natürlich auch im Gepäck.

In diesem Moment muss mir vielleicht klar geworden sein, dass ich das Schulgebäude zum allerletzten Mal verließ und dass sich nach den Sommerferien eine ganze Menge verändern würde.

Die Hoffnung auf Besserung. Die nicht kam. Alles eine Illusion. Aber wo wären wir ohne Hoffnung? Verloren…
Dinge, die vorbei sind. Vergangen, ein Schritt weiter. Ich habe selten zurück geblickt. Nichts vermisst. Diese Nostalgie konnte ich nie verstehen. An einem Gymnasium-freien-Schultag nochmal in die Grundschule, den alten Klassenlehrer besuchen mit seiner neuen ersten Klasse. Ich wurde gefragt, ja, ok. Ich kam mit. Nostalgie? Vermissen? Diese Gefühle waren nicht in mir. Am ehesten Gleichgültigkeit. Höflichkeit. Nettes Plaudern. Das war es.

Dennis: He, Jonas! Du bist ja noch da!
Jonas: Hi, Dennis.
Dennis: Toll, dass ich dich noch erwische! Ich hab noch ein paar von meinen Mathezetteln für dich gefunden!
Jonas: Oh danke! Das ist prima!
Jonas: Von denen kann ich gar nicht genug haben für meine Übungen!
Dennis: Ich freue mich schon echt darauf, nächstes Schuljahr zu meinem Bruder auf das Albert-Einstein-Gymnasium zu kommen. Wo gehst du denn jetzt hin?
Jonas: Hm, keine Ahnung. Papa hat es mir noch nicht gesagt.
Dennis: Du weißt es immer noch nicht? Echt komisch. ich weiß es schon seit dem Halbjahreszeugnis.
Jonas: Tja,…
Dennis: Mama ist da! Schöne Ferien!
Jonas: Tschüss, Dennis.

Ich wusste wo ich hin wollte, musste dafür kämpfen. Hätte ich es nicht getan, hätte SIE ihren Willen bekommen. Dann wäre ich nur wieder ein Spielball gewesen. Ich musste Früh für mich kämpfen lernen.
Stehen gelassen, einsam, allein. Außenseiter, anders sein…

Ich erinnere mich noch gut an das Gefühl, dass Dinge um mich herum passierten, auf die ich keinen wirklichen Einfluss hatte.

Sie passierten damals, sie passieren heute. Nur damals war es mehr. Heute weiß ich, wann und wo ich Einfluss nehmen kann. Aber damals musste ich da durch. Ertragen, aushalten, nicht jammern. Denn jammern tut man nicht. Jammern ist schwach. Durchhalten. Warten, dass es vorbei ist. Falsche Hilfe, ein weiterer Schnitt. Weitere ungeweinte Tränen.

Mein Vater sagte immer, es wäre meine eigene Schuld. Ich müsse mich mehr konzentrieren.

Nicht mein Vater. Ihm war ich egal. Ein Mädchen. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn ich ein Junge wäre. Nicht zu beantworten.
Er war passiv anwesend. Bis ich ihn aus meinem Leben aussperrte.
Aber SIE. Und natürlich war ich Schuld. Ich war immer Schuld. Selbst wenn ich nicht anwesend war. Ging was schief, war es auch meine Schuld, ich war ja nicht da. War ich da, war ich auch Schuld, weil ich da war. Ich konnte es ihr nie Recht machen. Aber SIE hatte einen Sündenbock fürs Leben, für alle Fehler, die ihr begegneten. Und das war echt. Das sind keine falschen Erinnerungen, denn sie waren zu viele. Ich weiß, dass es echt war. Ich war nie gut genug. Se halste sich Arbeit auf. Ich musste sie erledigen, da es ihr dann zu viel war. Aber zufrieden war SIE damit auch nicht, denn ich machte es falsch, beschämte SIE. Gemecker, Abwertung, nie genug. Niemals Anerkennung, egal, was ich tat, wie ich mich anstrengte. Meine Schuld, mein Fehler. Ich, Fehler.

Worauf ich mich in dem Moment aber wahrscheinlich konzentrierte, waren die sechs Wochen Sommerferien bei Oma auf dem Land. Da freute ich mich immer schon das ganze Jahr drauf.

Ein Zufluchtsort? Gab es nicht. Die Welt war ja böse und jeder Mensch. Alle machten es ihr nicht Recht, niemand war ihr gut genug. Daher durfte ich ja auch nicht zu anderen. D.h. ich durfte schon, aber SIE war abwertend. Freunde bekamen abfällige Spitznamen von ihr. „Bauerntrampel“ war da noch freundlich. Nie war ihr jemand recht, jemand gut genug. Familie? Konnte SIE nicht leiden. Durfte ich nicht hin, verboten. Es gab nur SIE. Ich musste da sein, war ihr aber lästig. Durfte auch nicht alleine spielen. Nur in der Küche, im Wohnzimmer, unter Kontrolle, Beobachtung. Damit SIE nichts verpasst. Von mir, aber durfte auch nicht stören, nicht lästig sein.
Keine Ausflucht. Nichts worauf es sich zu freuen lohnte.

Sechs Wochen! Ich glaube, weiter in die Zukunft konnte ich damals überhaupt noch nicht denken.

Irgendwo nicht, aber irgendwie schon. Die Frage: wann ist es vorbei? Das Leid, der Schmerz. Wann hört es auf? Die Kontrolle, die Pflichten, das Müssen. Und auch die Frage nach dem Ende. immer wieder.

[…]
Vater: Bin ja schon da! Ich musste noch ein paar Akten zusammensuchen. Du sollst ja nicht als Einziger in den Ferien Hausaufgaben machen müssen, richtig?
Jonas: Richtig, Papa.

Verschieben, unwichtig. Da einplanen, wo es nicht stört. Ich nicht störe. Niemals sollte ich stören. Ich verstand das Verhalten anderer Kinder oft nicht. War es doch anders. Ich war auch anders. Anders erzogen. Anders geprägt. Immer im Schatten von ihr. Durfte ich doch nicht von der Seite weichen. Aber auch keine Sonne genießen. Ich war nur für den Schatten bestimmt. Aber an ihrer Seite. Andere Optionen gab es nicht. Auch keine andere Prägung.
Wenn man nichts anderes kennt, hält man es für normal. Wann merkt man, dass es nicht normal ist? An den Blicken anderer Kinder? Von Erwachsenen? Ich war eben seltsam.
Und immer schön Recht geben. Nicht widersprechen. Niemals widersprechen. Ich durfte eine eigene Meinung haben. Aber die war ja eh falsch. Also lieber gleich Recht geben, dann wurde auch nicht gemeckert. Erniedrigt, beschuldigt. Ich war eh falsch. Und meine Meinung daher auch. Warum wurde ich überhaupt gefragt? Damit SIE jemand hatte, der ihr recht gab. Wenn es denn schon sonst niemand tat?

Vater: … Wie steht’s um die Noten, Sohn?
Jonas: Na, ja…
Vater: Hey, na LOS!!! Beweg dich da vorne!
Jonas: …
HUUP HUUUP
Vater: Das sieht aber gar nicht gut aus, Jonas! Immer noch die Vier in Mathe!
Jonas: Frau Karlson hasst mich!
Vater: Und immer noch keine Fortschritte in Deutsch!

Kümmern? Fehlanzeige. Höfliches Nachfragen, um der Pflicht Genüge zu tun? Interesse? Keines. Direkt wieder auf andere Themen. Auf das eigene Interesse. Auf das Gesagte eingehen? Niemals.
Buchstaben hassen mich. Hassen mich noch heute. Ich bin zu alt. Dass Legasthenie ein Problem ist, kam erst später in der Schule. Störte SIE aber nicht, mich so zu bezeichnen. Abwerten, natürlich, ein Fehler, ein Makel, den man ausmerzen sollte. Nicht als Krankheit oder Unvermögen. Niemand ist krank, nur dumm oder unwillig. Ich, der Fehler, da ich mich nicht genügend anstrenge.

Jonas: Papa, ich habe mich gefragt… Ich weiß ja immer noch nicht, auf welche Schule ich nach den Ferien gehe…
Vater: Ganz gleich welche Schule es sein wird, du hast eine Menge zu tun, mein Sohn. Diesen Sommer wirst du nicht nur herumstreunern und auf Bäume klettern!
Jonas: seufz

Antworten auf Fragen? Gab es selten. Nur wenn ihr danach war. Es ging nur im SIE und ihren Willen… Was mit mir war? Egal, so lange ich funktionierte und ihr zu Diensten sein konnte. SIE zufrieden stellen konnte. Und nach außen hin glänzen. Zum Angeben war ich gut genug, wenn es denn dazu was gab. Ansonsten musste man sich ja meiner schämen. Ich sollte ruhig sein und im Schatten stehen, wo mich niemand sieht.

[…]
Wir verbrachten eine halbe Ewigkeit auf der Autobahn.
Das Kind im Nachbarauto schnitt mir eine Grimmasse, während ich mein Brot aß.
Vater: Krümel nicht alles voll, Jonas!

Mit Anweisungen war SIE schnell. Keine Fehler machen. Ihr nicht zusätzlich Arbeit machen. Sollte ich ihr Leben doch einfacher machen, nicht komplizierter.
Kinder, die Grimassen schneiden? Warum? Albern. Die spielen ‚blöd‘. Sowas macht man nicht. Schau mal, wie dumm die sind. Kind sein? Stand für mich nie zur Wahl. Mit vier Jahren musste ich erwachsen sein. Dann durfte SIE wieder Kind sein. SIE durfte mit anderen Kindern spielen, am liebsten zwischen 6 und 10… Denn dann war SIE für die die coole Erwachsene. Darüber, die fanden SIE ja schon wieder blöd, uncool. Aber da waren ja auch die Kinder falsch. Sagen durfte ich eh nichts. SIE war albern. Aber ich hatte es zu akzeptieren. Und ihre Aufgaben zu erfüllen.

Vater: Himmel! Wie werden uns so verspäten!

Und wieder sind alle anderen Schuld. Nicht, dass SIE so spät war oder schlecht geplant hat. Immer die anderen. Und an mir wird es ausgelassen.

[…]
Vater: Jonas! Dein Koffer!

Immer helfen, immer vernünftig sein, immer erst die Arbeit, dann das Vergnügen, wenn es denn kam. Nie einfach mal Kind sein, einfach mal rennen, einfach mal Spaß haben.

[…]
Vater: Konzentriere dich, Jonas! Atme tief ein! Du weißt, dass nichts Schlimmes passiert!
Jonas: Haa!
Oma: Es tut mir so leid! Ich hatte ganz vergessen den Kamin zu schließen.
Vater: Alles ok, Oma. Nichts passiert.
Vater: Jonas weiß genau, was er zu tun hat, wenn eine seiner Panikattacke aufzieht. Richtig?
Jonas: Haa
Jonas: Richtig…
Vater: Hier…
Jonas: Haa
Vater: …trag deinen Koffer in dein Zimmer!
Jonas: Richtig…
Oma: Abendessen ist gleich fertig!

Überspiele, übergehen, nicht kümmern müssen. Ich weiß ja, was ich zu tun habe. Immerhin war nie wirklich was passiert. Auch nicht als mich der Hund anfiel und ich dachte er beißt mich tot und alle nur erstarrt drum rum standen. Er mich immer wieder auf die Ecke der Mauer stieß, überall Blut und ich kam nicht drunter weg. Der Hund groß über mir. Aber auch das war ja nicht schlimm. Ich stelle mich ja nur an. Ich brauchkeine Angst zu haben. Habe ich heute noch vor Hunden. Es gab nie eine Konsequenz daraus, für den Nachbarshund. Täglich musste ich dran vorbei. Hab sogar die Straßenseite gewechselt. Wie alt war ich damals? Vielleicht vier oder fünf. Noch nicht in der Schule. Aber ich stellte mich an. War immer mit der Angst allein. Übergang zum Alltag, direkt. Kein Wort daran verschwenden, unnötig. Ich stelle mich ja nur an.

Du kannst dir ja vorstellen, dass ich nicht besonders stolz darauf war, bei jedem Anblick einer offenen Flamme in Panik auszubrechen. Aber seit diesem Hausbrand war es einfach so…
Wie damals, als wir mit der Klasse ein Osterfeuer besichtigt haben. Die Lehrerin war total aufgelöst, weil sie dachte ich hätte einen Herzinfarkt oder so.

Nicht auffallen, nicht seltsam sein. Nichts sagen. V.a. keine Sonderbehandlung wollen! Tapfer nach vorne schauen. Die Ängste einschließen, tief in mir drin. Damit niemand sie sieht, sie findet. Auch ich nicht. Denn ich muss funktionieren. Anderes ist nicht legitim, gibt Gemecker. Nur funktionieren zählt. Und lächeln. Nichts anmerken lassen. Alles ist gut. Wir sind alle glücklich, in unserem glücklichen Leben!

[…]
Vater: Schmeckt großartig, Oma!
Jonas: Kann ich mit Loti noch eine Runde drehen?
Oma: Ha Ha! Du kannst es nicht erwarten, was?
Vater: ich schätze, dir ist nicht klar, wie spät es schon ist! Du packst gleich deinen Koffer aus und dann ab ins Bett, mein Freund!
Jonas: Okeee.
Er hatte ja keine Ahnung!

Und wieder nur Arbeit, Pflichten erfüllen, vernünftig sein. Nicht Kind, nicht klein, nicht verspielt. Immer rational, immer erst die Erledigungen. Und gewappnet sein für den nächsten Tag. Damit auch da die Arbeit erledigt werden kann. Wozu soll Spaß da sein? Den hat man im Leben später auch nicht. Ich glaube, SIE ist auch verbittert. Dabei sucht SIE den Spaß doch selbst unter den kleinen Kindern, während ich ihre Arbeit machen musste. Warum sollte mir auch Spaß vergönnt sein? Ich war schließlich zum Arbeiten da, zum Funktionieren.
Außerdem war ich ein kleines kränkliches Baby, ein schmächtiges kleines Kind. Ich brauchte viel Schlaf. Angeblich. Ich glaube ich sollte einfach nur ruhig sein. In der ersten Klasse musste ich um 18.30 zu Bett, damit ich 12,5 h Schlaf bekam. Wer schläft bitte so lange? Aber damit war ich weg und ruhig. Mir war es gleichgültig. Kannte ich es doch nicht anders. Und im Bett fühlte ich mich wohl. Tue ich noch heute. Das war mein Rückzugsort. Meine Oase. Dort war meine Parallelwelt. Ist sie teils heute noch. Ja, dort lauern auch die Dämonen, die Alpträume, die ich zwangsläufig mit hin schleppe. Es ist beides. Zuflucht und Hölle. Und trotzdem ziehe ich mich auch heute noch oft genug dahin zurück. Auch wenn ich weiß, dass es nicht immer gut tut. Vielleicht auch, weil es mir so antrainiert wurde?
Ich musste immer früh zu Bett. Erst mit 16 Jahren, durfte ich länger als 22.00 Uhr abends wach sein. Da ich aber erst um 7.00 zur Schule aufstehen musste, waren das immer noch 9 Stunden Schlaf. Es war verrückt. Vielleicht war ich da auch einfach nur gut geparkt, störte nicht mehr. Ich habe auch heute noch die Tendenzen früh ins Bett zu gehen, mich von rechts nach links zu wälzen. Auch, wenn ich nicht müde. Einfach aus der Gewohnheit heraus. Und dann kommt das Kopfkarusell. Meine Dämonen fahren mit. Immer im Kreis, kein ausbrechen aus dem Kreis. Und alle sind sie da und jagen mich in den Schlaf. In Alpträume.
Vielleicht sollte ich versuchen, das zu unterlassen? Manchmal ist es doch nützlich, die schmerzhafte Vergangenheit Revue passieren zu lassen. Aus manchen Dingen erhält man doch Erkenntnisse für das Jetzt. Schlechte Gewohnheiten ändern.

[…]
Jonas zur Katze: Ach, ja! Du hast ja Angst vor Mäusen! Na, vielleicht finden wir eine schöne, knackige Spinne! Du bist sooo ein Angsthase!

Ausgleich suchen. Sich über andere lustig machen? Den druck weitergeben. Wer tut das nicht? Wir sind alle nur Menschen, mit unseren Fehlern. Aber ist das gerecht? Macht es das besser? Entschuldigt das unser Verhalten? Nein!
Selbst ein Tier zu kritisieren, sich überheblich zu fühlen. Ja, jeder will mal hervorstechen, besser sein. Deswegen streben wir nach Leistung, nach Höherem. Dadurch können wir uns weiterentwickeln. Aber nicht auf Kosten anderer. Oft war ich Mitläufer. Schloss mich anderen an, in den Beleidigungen auf ein noch schwächeres Ziel. Musste mich ihr anpassen, musste ihren Beleidigungen beipflichten. Auch gegen ‚Freunde‘, wenn sie nicht da waren. Musste Menschen, die ich mochte, vor ihr, die ich nicht mochte, schlecht machen. Nur um den Frieden zu wahren. Ich hätte keine Chance gehabt. Das kleinere Übel. Schämenswert. Ich bin nicht stolz darauf. Aber andererseits hatte ich keine Wahl. Fressen oder gefressen werden. Macht das mich nun zu einem schlechteren Menschen? Hätte ich für andere Einstehen sollen, wohl wissen, dass ich die ‚Prügel‘ dafür hätte einstecken müssen? Zusätzliche ‚Prügel‘. Denn SIE hätte damit ja nicht aufgehört. Niemals. Hat SIE vermutlich heute auch nicht. Aber das weiß ich nicht.
Den Kontakt zu ihr abzubrechen war eine der besten Entscheidungen. Wenn auch verdammt schwer. Als Kind hat man dieses Urvertrauen in die Eltern. Was aber wenn es von klein auf erschüttert wird? wenn man von klein auf weiß, dass man der Fehler ist? Was wenn man von klein auf in diesem Zwiespalt, diesem Zweifel steckt, gegen das in den Genen liegende Gefühl, es sind die Eltern. Und die Erfahrungen, die dagegen sprechen. Dem Kind gesagt wird, es sind doch die Eltern. Aber dieser Zwiespalt nagt. Was kann man da als Kind tun? Auf sich vertrauen? Aber man macht doch eh alles falsch. Also woher soll man wissen, was richtig ist?
Es hat lange bei mir gedauert. Abe ich habe den Schritt gewagt. Es tut heute noch weh, wenn ich andere Familien sehe, die funktionieren. Wo Liebe herrscht. Etwas, das ich nie bekam. Spüre ich Neid? Vielleicht ein wenig, aber mehr doch Trauer. Wobei ich auch nicht genau weiß, was ich vermissen soll. Man kann nur Dinge vermissen, die man kennt. Ansonsten ist da eher ein Gefühl von… vielleicht Sehnsucht?
Es war so. Ich hatte keinen Einfluss, keine Chance. Es ist meine Vergangenheit. Ich habe sie zu akzeptieren gelernt. Ansonsten grämt man sich nur. D. h. nicht, dass es nicht tage gibt, an denen ich hadere: warum ich? Wieso passierte mir das alles? Fragen auf die ich keine Antwort bekommen werde. Aber ich kann auch meiner Vergangenheit lernen. Versuchen ein besserer Mensch zu werden. Für andere da zu sein, nicht mit Gemecker, Tadel und Beschimpfungen, sondern mit offenen Augen, Ohren und Armen.

[…]
… meinem geheimen Hauptquartier!
Jonas: Alles beim Alten! Sehr gut!
In meiner Schatztruhe hatte ich alles, was ich auf meinen Abenteuern im Wald brauchte.

Verstecke? Ja, ich dachte ich hätte sowas, aber ich traue ihr nicht. Ich weiß, dass SIE auch das Zimmer meiner Schwester durchsucht hat, also warum nicht auch meines? Ich weiß, wie neugierig SIE ist, dass SIE es nicht ausstehen kann, etwas nicht zu wissen. Wie die verhöre, wenn ich in meinem Zimmer gespielt habe. Ich hatte kaum Dinge zu verstecken. Hätte wohl nichts gebracht. Wollte ich etwas verstecken, musste ich e sin meinem Gedanken behalten. Tief in mir. Vergraben, nichts sagen, nicht drüber nachdenken, wenn SIE da war. SIE merkte das sonst. Geheimnisse, die ich nur alleine in meinem Bett bedenken durfte. Dort wo ich allein war, Ruhe hatte. Schlafen sollte. Dort gehörten meine Gedanken mir.
SIE misstraute allem und jedem, kontrollierte. Ich überlegte mir Systeme um zu prüfen, ob SIE wo dran war. Ließ Dinge „willkürlich“ an Schubladen oder Truhen liegen, aber merkte mir die Abstände um zu prüfen, ob sie sich verändern. Ich war mir nie sicher. Ich vermute, dass SIE darauf auch geachtet hat.
Ich hatte nichts geheimes, nichts, was mir war. Außer meinen Gedanken, meiner Parallelwelt. Dort war ich frei. Verschenkte SIE auch mein Spielzeug, nur weil ich gerade nicht damit spielte. Dinge, die SIE störten. SIE spielte auch nur „schlaue“ Spiele mit mir, pädagogisch wertvoll. Wenn SIE etwas nicht mochte, wurde es abgelehnt. Manchmal verschwanden Dinge plötzlich. Angeblich war ich es, habe es verlegt. Aber heute weiß ich, dass Dinge gezielt verschwanden. Oder SIE redete Dinge so lange schlecht, bis ich ihre Meinung übernehmen musste. Und da ich es dann ja auch nicht mehr wollte, konnte das ja weg. Egal, ob ich daran hing, oder eben nicht.
Es ging immer nur um Materielles. Liebe oder Zuwendung wurde erkauft. Auch später, wenn ich mir Dinge von meinem Geld kaufte, durfte SIE darüber bestimmen. Durfte meine Sachen verschenken. Meine Meinung? Wünsche? Unwichtig! SIE war ja da und entschied. Ich war ja eh falsch. Egoistisch, engstirnig. Solle doch mal teilen. Mir ginge es doch so gut. Andere hätten weniger. Und wieder ging es nur um Materielles. Mir ist das heute zuwider. Ich komme mit wenig aus.

[…]
Oma: Jonas, warum hast du diesen ollen Pullover an? Es ist dich viel zu warm draußen!
Jinas: Das ist mein magisches Kettenhemd, Oma! Es macht mich unverwundbar!
Oma: Wie konnte ich das vergessen!

Magisch? Fantasie? Oh, SIE legte viel Wert auf freies Spielen. Aber nur wenn es realistisch war. Intelligent. Ein „magisches Kettenhemd“? So ein Unsinn, blöd, dumm gespielt. SIE könnte sowas nie verstehen. Der Pulli wäre längst entsorgt gewesen. Ich habe heute trotz allem Fantasie. Habe sie mir in der Nacht bewahrt. Aber SIE hätte dafür niemals Verständnis. Nicht bei mir. Bei anderen Kindern vielleicht, da wäre es nett oder süß. Aber ich musste die Vernünftige sein. Da gab es keine ‚dummen‘ Spiele. Traurig…
Unverwundbar sein… wie schön wäre das manchmal…

Jonas: Ja, wie konntest du! Du hast es doch geschmiedet!
Jonas: Morgen, Papa!
Vater: Huch, schon auf?
Oma: Und weg ist er!
Vater: Riecht’s hier nach Speck?

Desinteresse, an Dingen, die einem lieb sind. An der eigenen Person. Wie können Eltern so sein? Sie haben doch entschieden ein Kind zu wollen. Angeblich war ich ein Wunschkind. Vielleicht brauchte SIE noch jemand, der ihre Arbeit erledigt. Meine Schwester war da viel zu bequem und faul. Sie ist das Lieblingskind. Warum auch immer. Ich habe immer versucht mich anzustrengen, es ihr recht zu machen. Meine Schwester war immer auf Konfrontation. Aber bei ihr war das ok. Ich durfte ja nicht mal Widerworte oder eigene Gedanken haben, musste im Schatten stehen.
Es heißt immer Hass sei so schlimm. Nein, Hass und Liebe sind zwei starke Emotionen. Angeschrien zu werden, da ist Interaktion. Der andere hat irgendwo ein Interesse an der Person. Aber Desinteresse, Gleichgültigkeit. Das tut viel mehr weh.

Nirgendwo fühlte ich mich so frei und selbstbewusst.
Jonas: Fliegende Affen! Schnell! Wir verstecken uns!

Meine Parallelwelt. Meine Gedanken. Wenn sich keine Dämonen einschlichen, ging es mir gut. Ich war mal zufrieden, zumindest dort frei. SIE wusste nichts davon, konnte sich nie einmischen. Aber auch hierhin reichten ihre Schattenfinger, ihre Erziehung. Aber ich war zumindest kurz annähernd frei, durfte Träumen und denken.
Vielleicht hat es mir die Kraft gegeben durchzuhalten? Hat etwas in mir tief drin bezweckt? Aber manchmal holt mich heute diese Parallelwelt ungefragt ein, wie ein Strudel treibt sie mich mit sich. Ungefragt, getriggert. Wodurch? Ich weiß es nicht.

[…]
In der Stadt gab es sowas nicht. Einen Ort, wo ich für mich sein konnte.
Wo ich einfach machen konnte, was ich wollte.

Nein, denn mich gab es nicht. Ich war nur der Schatten. Nie ein Individuum, durfte ich nicht sein. Nie ich. Nur SIE. Ein Ableger, wie bei einer Pflanze, ein Klon. SIE…

[…]
Ich wäre am liebsten für immer dort geblieben.

Verschwinden, in der Parallelwelt bleiben. Einfach nur fort. Fort aus der täglichen Welt, aus dem Elend. Dem Leid, dem Mobbing, der „Familie“. Raus aus dem Schatten. Fort…
Wünsche…
Heute habe ich das, der Weg war schwer. Heute bin ich ich. Ohne Schatten, selbstbestimmt. Die Parallelwelt existiert immer noch. Aber ich kann ein Stück weit meine eigene Welt bestimmen, soweit das nun mal möglich ist. Aber es geht.
Wie ich bis hierhin kam? Keine Ahnung. Ich glaube durchhalten ist ein guter Anfang. Weiter. Hoffen, dass es besser wird. Kämpfen. Um jeden verdammten Schritt nach vorne.
Meine Dämonen schleppe ich weiter mit mir. Genauso wie meine Vergangenheit. Alles wird immer ein Teil von mir sein. Aber mein Blick richtet sich nach vorne. In die Zukunft. Nicht zurück. Denn meine Zukunft bestimme ich.

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Veröffentlicht : 05/11/2018 5:17 pm
[B]Morrigan
Mitglied Moderator

Hallo zusammen,

 

ich bin Freitag bis Sonntag (16.11. bis 18.11.18) nicht da. Ab Montag dann wieder.

 

Grüße,

Morri

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Veröffentlicht : 13/11/2018 6:34 am
[B]Morrigan
Mitglied Moderator

Hallo zusammen,

 

ihr habt sicher schon gemerkt, dass ich die letzte Woche kaum da war. Leider bin ich auch diese Woche (25.02.-03.03.) kaum da. Ich hoffe, danach wird es wieder besser.

 

Grüße,

Morri

AntwortZitat
Veröffentlicht : 25/02/2019 6:56 am
[B]Morrigan
Mitglied Moderator

Ich bin morgen auf der CatCon und daher evtl. nur am Sonntag mal online... Muss ich mal sehen, wie ich es schaffe

AntwortZitat
Veröffentlicht : 08/03/2019 7:47 am
[B]Morrigan
Mitglied Moderator

Hallo zusammen,

ich werde das jetzige Wochenende, 22.-24.03., nicht da sein.

Grüße, Morri

This post was modified vor 2 Monaten by [B]Morrigan
AntwortZitat
Veröffentlicht : 22/03/2019 6:34 am
[B]Morrigan
Mitglied Moderator

Ich habe den Rest der Woche Urlaub und bin nur gelegentlich da.

Nächste Woche wieder wie gewohnt.

AntwortZitat
Veröffentlicht : 02/05/2019 6:55 pm
[B]Morrigan
Mitglied Moderator

Hallo zusammen,

ich bin nächste Woche (20.-24.05.) so gut wie nicht da.

Ab Samstag dann wieder 🙂

Morri

AntwortZitat
Veröffentlicht : 14/05/2019 4:32 pm
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